Archiv für Oktober 2010

Der Marinestützpunkt Swinemünde (?winouj?cie)

Freitag, 8. Oktober 2010
Foto: Dieter Trodler

Foto: Dieter Trodler

von Dieter Trodler

Vor der politischen Wende in Polen war es nicht möglich, militärische Anlagen dort zu besichtigen ? geschweige denn diese zu fotografieren. Nach der politischen Wende im Ostblock und nach dem Beitritt der polnischen Armee zur NATO hat sich dies geändert. Zwischenzeitlich betreibt die polnische Armee sogar sehr offensiv ?Public Relations? ? d.h. man kann – bei entsprechenden Bekanntschaftsverhältnissen – eigentlich viel sehen und erfahren über die 8. polnische Ostseeflotte – auch über deren militärische Details. Man kann sogar auf den Einheiten fotografieren.

Nachfolgend möchte ich Ihnen Dinge erzählen, die nicht geheim sind, die aber dennoch für den Durchschnittsbürger kaum erfahrbar aber dennoch interessant sind. In Swinemünde liegt ? für jedermann vom Hafen aus sichtbar ? ein Teil der polnischen Marine; und zwar die 8. polnische Ostseeflotte mit etwa 20 Minenlegern sowie 5 Transportern und Minenzerstörern.

Die polnische Ostseeflotte hat 3 Stützpunkte: in Swinemünde (?winouj?cie), in Kolberg (Ko?obrzeg) sowie in Gdingen (Gdynia), wobei der Stützpunkt Swinemünde der kleinste ist. Der Militärhafen in Swinemünde wurde in vergangenen Jahren mit finanziellen Mitteln der NATO ausgebaut, sodass nunmehr auch größere Flottenverbände befreundeter NATO?Länder hier anlanden können.

Swinemünde ist nicht erst seit der politischen Neuzeit ein bedeutender Flottenstützpunkt. Schon zu “Kaisers” Zeiten war diese Stadt ein wichtiger Kriegshafen. Große Kriegsschiffe – etwa Kreuzer – machten hier regelmäßig ihre Aufwartung. Die Bedeutung dieses Ortes für die Verteidigung des “Reiches” zeigt auch der Bau von Befestigungsanlagen in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Diese Befestigungsanlagen können von der Innenstadt aus bequem mit dem Fahrrad erreicht und besichtigt werden.

Auch im 3. Reich war diese Stadt von hoher strategischer Bedeutung, denn ein Teil der deutschen U?Bootflotte wurde in einem Seitenarm der Swine vor den Angriffen feindlicher Truppen versteckt.

Ein durch persönliche Bekanntschaften vermittelter Besuch auf einem der stationierten Transport? und Minenzerstöreinheiten vollzog sich in durchaus militärischer Tradition. Der wachhabende Offizier, ein Mann mit “Waschbrettrücken” empfing uns an der Reling und führte uns zunächst ins “Allerheiligste” ? den Kommandostand des Schiffes. Eine für den Laien nicht zu überschauende Anzahl von Reglern, Anzeigeinstrumenten, Bildschirmen und Steuerapparaturen zeigte uns, dass die Beherrschung einer solchen Schiffseinheit eine höchst professionelle Angelegenheit ist, und dass hierbei keine Dilettanten am Werk sein können. Noch beeindruckender war die Besichtigung des Radarraumes, in dem sich im Krisenfall die Führungscrew versammelt, um die rundum abgebildeten anderen Schiffseinheiten zu beobachten und gegebenenfalls militärische Maßnahmen vorzubereiten.

Foto: Dieter Trodler

Foto: Dieter Trodler

Ebenso interessant war der Besuch in der Funk?, Peil- und Sensorikzentrale, die einerseits Kommunikationszentrale ist, die aber auch wesentliche Daten über die Nähe von befreundeten und feindlichen Schiffseinheiten liefert. Entfernungen und Seetiefen werden von hier aus direkt der Schiffsführung mitgeteilt.

Überraschend war, dass mittschiffs ein kompletter, zweiter Steuer? und Befehlsstand installiert ist, mit dessen Hilfe in Krisensituationen das Schiff gefahren werden kann. Und dann ging es in das Herz des Schiffes, einen der Maschinenräume. Das Schiff verfügt über insgesamt 3 Diesel?Antriebsmaschinen von denen wir eine sehen konnten. Der Maschinenraum war in einem erstklassigen äußeren Zustand. Alles war sehr sauber, öl? und fettfrei und der gesamte Bereich war nagelneu angestrichen. Man konnte sich jedoch einen nahen Eindruck davon machen, welchen Betriebsbedingungen die Maschinencrew ausgesetzt ist, wenn das Schiff unter Last auf See manövriert ? das ist nichts für Landratten und nichts für Feingeister.

Schließlich konnten die Bordkanonen besichtigt werden, die auf dem Schiff eine Doppelfunktion haben. Sie dienen einerseits der Schiffsverteidigung gegenüber Angreifern von See und aus der Luft, und sie haben die Aufgabe, entdeckte Seeminen anzugreifen und unschädlich zu machen. Die Bordkanonen werden von einem Bordschützen bedient, können aber auch von der Kommandobrücke aus fernbedient werden. Unsere Frage, warum eine solch komplexe Schiffseinheit eine solch scheinbar geringe Bewaffnung habe, beantwortete der Offizier mit dem Argument, dass dieses Schiff keine Angriffseinheit sei ? eine Antwort der auch der Laie zustimmen musste.

Foto: Dieter Trodler

Foto: Dieter Trodler

Schließlich konnte man von der Brücke aus sehen, dass über eine hydraulisch ausfahrbare Rampe Fahrzeuge in den Schiffsbauch eingefahren werden konnten. In der Schiffsmitte befindet sich eine ?Fahrstraße?, in die mindestens 7 Schwerlasttransporter oder wahlweise 5 Panzerfahrzeuge aufgenommen werden können.

Unser Interesse galt unter anderem den praktischen Einsätzen der gezeigten Einheiten. Hier wurde darauf verwiesen, dass diese Schiffseinheiten im Rahmen von NATO?Bündnisaufgaben im Mittelmeer sowie im Indischen Ozean zum Einsatz kämen.

Sehr interessant war auch der Hinweis, dass alle im Hafen liegenden Schiffseinheiten in polnischen Werften ? vorwiegend in Stettin (Szczecin) ? gefertigt wurden; scheinbar schon vor geraumer Zeit. Beruhigend für den Betrachter war, dass die Schiffseinheiten offensichtlich der Landesverteidigung dienen und dass alle Flottenteile friedlich im Hafen ankerten. Das war ein positiver Aspekt für den Berichter.