Archiv für Februar 2011

Deutscher Karneval auf Polnisch:

Freitag, 18. Februar 2011

Jetzt jeded loss!

Jetzt jeded loss!

von Dieter Trodler

Leverkusen in der Karnevalszeit. Überall finden Veranstaltungen statt ? in den Kneipen, in den Sälen kurz in jedem größeren Raum, der sich karnevalistisch nutzen lässt.

Veranstalter sind meistens die örtlich ansässigen Karnevalsgesellschaften, aber auch Sportvereine, Schützenvereine ? eigentlich veranstaltet jeder Verein sein
Karnevalsfest.

Hier in Leverkusen hat Karneval eine lange Tradition ? auch deshalb weil diese Stadt in der Mitte der beiden Karnevalshochburgen Köln (auf der südlichen Seite) und Düsseldorf (auf der nördlichen Seite) liegt. Mitten in diesem Tohuwabohu veranstaltet auch eine Gruppe ihr Karnevalsfest ? das sind die hier ansässigen ehemaligen Schlesier und Polen ? jedenfalls eine Gruppe von Menschen, die ? wenn sie unter sich sind ? polnisch sprechen, polnisch leben und teilweise auch polnisch denken.

Wer nun meint, dass diese Leute nicht richtig Karneval feiern könnten ? der irrt.

Schon um 19.30 Uhr sind die ersten Besucher in der Bürgerhalle da. Eine offizielle Garderobe gibt es nicht ? die Leute legen ihre angezogenen Klamotten selbst ab – nach Veranstaltungsende sucht sich jeder seinen Fummel selbst. Eine Praxis, die ohne Probleme funktioniert.

Der Eintrittspreis beträgt 28,00 Euro; darin enthalten sind Sitzplätze an langen Tischen, Essen, Getränke (außer alkoholische Getränke), Musik zum Tanzen, meistens nette Tischnachbarn und eine Menge Spaß ? den ganzen Abend. Wer will, bringt sich zusätzlich eigene Verpflegung mit ? Kartoffelsalat mit Würstchen, Gemüsesalate und sonstige heimische Spezialitäten.

Harte alkoholische Getränke sowie Sekte bringt sich auch jeder selbst mit ? am späten Abend sehen die Tische aus wie eine Werbeveranstaltung für eine bestimmte rechteckige, grüne Flasche mit 40%igem Klaren.

Und dann um Punkt 20.00 Uhr geht?s los. 320 Personen sind vereint, um Leverkusener Karneval zu feiern. Eine ?Kapelle? bestehend aus Vater mit Multifunktionsklavier und einer nett anzusehenden Tochter, die singt, bestreiten den Abend.

Zu Beginn fühlen sich die wenigen deutschen Gäste etwas deplaziert, weil die Begrüßung nur in polnischer Sprache erfolgt ? dies gibt sich aber im Laufe des Abends. Fast alle Anwesenden sind karnevalistisch kostümiert und gestimmt; die Kostüme mit teilweise beachtlicher Initiative erdacht.

Schon zum ersten Tanz um 20.05 Uhr füllt sich die Tanzfläche total. Die Tische sind leer ? die Tanzfläche ist voll. An den Tischen sind nur diejenigen zurückgeblieben, die ohne Begleitung gekommen sind. Ansonsten beginnt der Karneval sofort ? nicht erst nach einer ?Anwärmperiode?. Und die Musikprotagonisten heizen die Stimmung an.

Gespielt wird abwechselnd englische und deutsche Pop?Musik, Schlager aus alten Tagen und natürlich beliebte, polnische Hits. Es gibt keine Auftritte von Karnevalsgesellschaften oder Aufmärsche traditioneller Corps oder Gesellschaften ? einfach nur Musik zum Tanzen.

Im Laufe des Abends wird die Band immer professioneller, die Lautstärke nimmt zu und die Besucher beginnen bekannte Lieder mit zu singen. Komisch ? Beatlestexte kennt jeder, auch die Lieder von Iglesias oder von der Tina Turner ? diese Lieder kennen auch die älteren Besucher. Und wenn dann die polnischen Hits wie ?Wszyscy Polacy to jedna rodzina? (Alle Polen sind eine Familie) oder ?Jedzie poci?g z daleka? (Von weit her kommt der Zug) oder ?Jeste? szalona? (Du bist verrückt) erklingen, dann gibt es für die Feiernden keine Schranken mehr. Jeder singt mit, jeder tanzt mit und alle sind nur noch glücklich.

Um 24.00 Uhr gibt?s die ersten Ausfälle ? ein Kapitänleutnant sitzt auf der Treppe und schläft, andere können nicht mehr völlig gerade zur Toilette gehen und im Vorraum umarmen sich Fremde, als ob sie sich schon seit Jahren kennen würden. Im Saal verschafft man sich die ersten ?Marscherleichterungen?, die mühsam erarbeiteten Verkleidungen werden Stück für Stück wieder entfernt, denn tanzen ist eine wunderbare ?Schwerarbeit?.

Mit fortschreitendem Abend wird die Stimmung immer heißer ? manch einer, der normalerweise ?nur? deutsch spricht, beginnt sich auf seine polnischen Sprachwurzeln zu besinnen.

Es ist nicht zu fassen, wie zwei Menschen auf der Bühne innerhalb weniger Stunden einen Saal derart in Stimmung bringen können.

Gegen 01.00 Uhr ziehen die ersten Besucher von dannen. Gegen 02.00 Uhr ist der Abend gelaufen. Viele sind schon abgewandert. Ein Rest bleibt sitzen und singt und trinkt, aber ohne Musik wird?s langweilig. Gegen 03.00 Uhr sind auch die Hartgesottenen auf dem Heimweg.

Die Leverkusener Taxen haben einen umsatzstarken Abend.