Archiv für Dezember 2011

An Heiligabend grüßt uns lautlos der Karpfen

Freitag, 23. Dezember 2011

frohe-weihnachten
Wie jedes Jahr vor Heiligabend stehen auf polnischen Straßen Karpfenhändler. In großen, voll mit Wasser gefüllten Plastikbecken bieten sie Fische an, die von den meisten Kunden lebendig gekauft werden. Die Polen kaufen Karpfen ein oder zwei Tage vor Weihnachten und gönnen ihnen in der Badewanne zu Hause noch ein paar Stunden Gnadefrist, bevor sie als Hauptgericht auf dem Weihnachtstisch serviert werden.

Als Kinder haben wir die Fische gerne im Badezimmer beobachtet und waren traurig, dass ihre Stunden gezählt sind. Sie waren eine große Attraktion und für uns viel interessanter als kleine Aquariumfische.

Keiner von uns hat diese Tradition je in Frage gesellt. Seit Generationen wird in Polen dieser Fisch verspeist. Und obwohl die Gläubigen an Heiligabend nicht fasten müssen, wird in Polen an diesem Tag kein Fleisch gegessen. Traditionell werden 12 Speisen aufgetischt, darunter der Karpfen in allen möglichen Varianten, z. B. in Aspik, gebraten oder gekocht. Bigos oder Pilzsuppe dürfen auch nicht fehlen. Als Nachtisch gibt es verschiedene Kuchensorten und zum Trinken eingelegtes Obst im eigenen Saft.

Die Erklärung, warum an Heiligabend in Polen kein Fleisch serviert wird, finden polnische Kulturexperten in einem Brauch, nach dem auf den polnischen Dörfern an Heiligabend Haus- oder Nutztiere als Gäste zum Fest eingeladen wurden. Die Menschen glaubten nämlich, dass an diesem Abend alle Tiere sprechen könnten. Und um keine Klagen der Tiere hören zu müssen, hatte man auf deren Fleisch an diesem Tag verzichtet.

Ob in dieser Geschichte ein Körnchen Wahrheit steckt, habe ich mehrmals versucht rauszukriegen. Ohne Erfolgt. Vielleicht gelingt es mir in diesem Jahr endlich, sprechende Tiere zu treffen. Aber darüber werde ich Ihnen erst im nächsten Jahr berichten.

Und bis dahin wünsche ich Ihnen
besinnliche Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr.
Magdalena Kuckertz